Denn wir werden das nicht machen. Es geht nicht. Zu viel ginge verloren.
Es werden ja ohnehin viel zu viele Abende nur nacherzählt, anstatt etwas damit anzufangen, anstatt sie auf den Punkt zu bringen, diesen Punkt dann aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und sich dann zu fragen: War das jetzt gut, und wenn ja, warum ist das wichtig?
Genau das war es ja auch, was Nora Gomringer an dem Abend, um den es hier geht, mit dem Leben Jean Pauls machte: Sie versuchte es auf den Punkt zu bringen und diesen dann von verschiedenen Seiten aus zu betrachten. „Die größeren Schmerzen – Jean Paul in kleinen Dosen“ hatte sie diesen Abend selbst überschrieben, und dann setzte sie sich hin auf die Bühne des Balkonsaals und erzählte und las: aus der Biografie von Günther de Bruyn, aus Jean Pauls Werken, aus ihren eigenen Gedichten, manches hatte mit Jean Paul beim ersten Hinhören gar nichts zu tun, aber das erwies sich dann nur als besonders hinterhältige Art, ihm auf die Spur zu kommen.
Man konnte Nora Gomringer an diesem Abend dabei zusehen, wie sie einen Abend mit Jean Paul verbrachte. Und dann zitierte sie ein paar seiner Aphorismen und lauschte ihnen nach. Wir können das nicht nacherzählen, schon gar nicht in aller Kürze, es war nur einfach eine gute Methode, die These zu widerlegen, dass Jean Paul so sperrig sei, und so schwierig zu lesen. Das wird zurzeit sowieso viel zu oft gesagt. Sie hat ihn einfach mitgebracht.
Wir können hier nichts weiter tun, als Ihnen zu raten: Verlassen Sie sich nicht darauf, dass wir Ihnen einen so tollen Abend sowieso nacherzählen.
Gehen Sie lieber selbst hin.
Für einen Dramatiker ist diese Situation ein Geschenk. Es geht um vier Töne, die auseinanderstreben; zwei bewegen sich aufeinander zu, nicht sehr weit, aber so, dass sich die Spannung zwischen ihnen in stabile Harmonie auflöst. Mit diesem Schritt bewegen sich die Töne allerdings weg von den anderen; anfangs stehen sie sich nahe, am Ende nicht mehr, die Spannung am Ende ist nicht dieselbe wie am Anfang, aber sie ist ähnlich unerträglich. Man müsste das wohl aufmalen, um es sofort zu begreifen; am Ende jedenfalls steht zwar ein bisschen mehr Glück in den Noten als am Anfang, aber das Glück ist getrübt.
Die Töne, um die es hier geht, sind die ersten der Oper „Tristan und Isolde“, sie erzählen auf engstem Raum die Handlung der folgenden drei Akte, und sie erzählen auch ein Kapitel aus dem Leben ihres Komponisten: das Kapitel, als Richard Wagner auf Franz Liszt trifft, auf den Kapellmeister Hans von Bülow und dessen Frau Cosima, Liszts Tochter. Wie sich die Konstellation ändert, ist bekannt, die Spannung zwischen Richard und Cosima verwandelt sich in stabile Harmonie, zu Lasten Hans von Bülows und zum Ärgernis Liszts.
Dass sich der „Tristan“-Akkord als Formel für Wagners zweite Lebenshälfte deuten lässt, kann man als schicksalhafte Parallele verstehen oder als kuriosen Zufall. Eberhard Streul ist nicht der erste, der in dieser Konstellation Stoff für ein Drama erkennt.
Nur leider hat er dann keines daraus gemacht. Sondern ein Stück mit dem Titel „Schicksalsakkord“ für die Musikbühne Mannheim, das - in dieser Woche in der Stadthalle - in einer zweistündigen Reihung an Szenen eine Geschichte mit bekanntem Verlauf und Ausgang erzählt; zu Beginn der Handlung erklingt das „Tristan“-Vorspiel (Klavier: Randolf Stöck), und leider ist das bei weitem der spannendste Moment des Abends.
Es gibt gute Momente, keine Frage. Etwa dann, wenn sich die Figur, die Richard Wagner sein soll, mit ein paar Sätzen selbst zeichnet: „Ich bin meinen Weg bisher gegangen, ohne jemandem etwas zu verdanken“; „Schönheit, Glanz und Licht muss ich haben, die Welt ist mir schuldig, was ich brauche“. Auch das Bühnenbild ist elegant, die Büste Richard Wagners ist viel größer als das Porträt Ludwigs II.
Johannes-Paul Kindler als Richard Wagner spielte merkwürdig atemlos, Ilona Schulz als Cosima kam in ihrer blassen Contenance zwar womöglich der historischen Figur Cosima nahe; dem Abend half dies nicht auf die Sprünge. Und leider auch nicht Dirk Mühlbach als bemitleidenswerter Hans von Bülow, den er von einem Weinkrampf in den nächsten überführen musste. Einzig Michael Schneider als Franz Liszt konnte seiner Rolle die nötige Kontur geben, die glaubhaft machte, dass hier nicht nur einer den Text aufsagt, den ihm vorher jemand aufgeschrieben hat.
erschienen in mare Reise “Hamburg” (Sommer/Herbst 2012)
[…]
Wenn das Wasser kommt, ist es zu spät. Dann bleiben ein paar Minuten, um das Nötigste zu retten. Über Hochwasserschutz nachzudenken hat dann keinen Zweck mehr, das geht nur, solange es trocken ist. Das muss den Leuten klar werden, fand Erik Pasche, und um es ihnen klarzumachen, baute er die “Flutbox”: ein Wohnzimmer, komplett eingerichtet, in einem Becken aus Plexiglas, das sich binnen fünf Minuten fluten lässt. “Hochwassererlebnisraum” nannte Pasche das Wohnzimmer, es steht heute in einer Garage am Pollhornbogen. Wenn Besuch kam, ging er mit ihm in die Garage und drehte den Hahn auf, bis das Bücherregal ins Wasser kippte.
Pasche war Professor an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg, er trug Anzug, bunte Krawatten und das Haar im Nacken lang. Und er trug Verantwortung, gern und viel, am liebsten für Wilhelmsburg. Er widmete der Frage, wie sich Wilhelmsburg vor dem Ertrinken retten lässt, sein Leben. Nasse Füße, das wusste er, bewirken mehr als jeder Vortrag, jede Studie. “Er mochte es gern, wenn er ein bisschen planschen konnte”, sagt Pasches Laboringenieur heute über seinen früheren Chef.
Erik Pasche lebt nicht mehr, er starb im Dezember 2010 überraschend an einem Infarkt. Als er noch lebte, lebte er für die Frage: Was wäre, wenn eines Tages der Meeresspiegel so hoch steigt, dass Deiche nicht mehr ausreichen?
Und Pasche fand Antworten: So, wie wir uns gegen Hochwasser schützen, reicht es nicht. Jederzeit könnte wieder eine Katastrophe passieren, die Deiche könnten wieder brechen, und dann? Wilhelmsburg ist sicher, beeilen sich seine Mitarbeiter zu versichern, es gibt keinen Grund zur Unruhe. Bloß keine Panik, die Auseinandersetzungen mit Behörden sind zermürbend genug. Alles ist sicher - selbst die Tatsache, dass keiner weiß, was passieren wird.
Das Land hinter den Deichen ist nicht mehr risikofrei, sagte Pasche, und nicht mehr risikofrei bedeutet: nicht sicher. Wenn das Wasser kommt, müssen wir vorbereitet sein. Wer in Wilhelmsburg lebt, und lernen, mit dem Wasser zu leben, nicht gegen das Wasser zu kämpfen. Weil Deiche nicht in den Himmel wachsen können, muss das Land dahinter wasserfest werden: mobile Hochwasserschutzwände, aufblasbare Kissen, die Fenster und Türen abdichten, ein Kammersystem, das Wasser ableitet. Pasche baute Versuchsbecken, berechnete Flutwellen und ließ keine Pressekonferenz aus.
Pasche war der Debatte voraus, sagen seine Mitarbeiter heute über ihn. Pasche dachte international, und international fand er Anerkennung für seine Ideen - nach der Flutkatastrophe von New Orleans wurden Pasches Ideen dort hoch gehandelt. In Wilhelmsburg gelten sie als schwer vermittelbar.
[…]
erschienen in BEEF! 1/2013
Irgendwo im Bayerischen Wald leben mit Sicherheit noch Menschen, die überzeugt sind, Leberkäse habe es immer schon gegeben. So wie die Bäume, den Frühling, die Vögel und die Nacht. Ein Mensch, ein einzelner Mensch, kann so etwas ja nicht erfunden haben: ein Lebensmittel, das ein Zwitter ist aus Wurst und Fleisch, und das gebacken wird wie ein Kuchen. Ein Kuchen aus Fleisch, Gewürzen und Fett. Hellrosa wie ein frisch geworfenes Ferkel, in Bayern sagen sie:
schweinderlfarben.
Nach ein paar Stunden im Ofen ist der Leberkäse dann fertig. Und, das ist das Verrückte, der erste Bissen schmeckt nicht nach Schwein oder Rind oder Speck, gar nicht. Sondern: nach Glück.
Wie kann das gehen, wenn nicht durch ein Wunder?
Mit Erfahrung, Tradition, Handwerkskunst?
Wer je die Werkstatt einer Metzgerei betreten hat, die nassen Bodenfliesen,die immer auch ein wenig rutschig sind und über denen Geruch von frischer Wurst hängt, wer gesehen hat, wie Metzgermeister und Gesellen mit ihren Unterarmen in kaltem Wurstbrät wühlen, der weiß: Wunder gibt es hier nicht.
Hier geht es um Mischverhältnisse und Umdrehungszahlen. Das Eiweiß muss sich aufspalten, sonst wird aus dem Wurstbrät keine Wurst, sondern ein bröseliger Batzen. Die Temperatur muss stimmen, sonst zieht die Masse Fäden, und alles ist zu spät. Handwerk. Technik. Chemie. Kein Wunder.
Und die Wahrheit ist: Jetzt, genau jetzt, während Sie diese Zeilen lesen, isst irgendwo in Deutschland jemand Leberkäse. Gut möglich, dass es ihm schmeckt, vielleicht aber auch nicht. 26 000 Metzgereien und Filialen gibt es in Deutschland, durchschnittlich zwei pro Stadt und Gemeinde, und wenn im Durchschnitt jede Metzgerei eine Filiale
hat, gibt es in Deutschland mehr als zehntausend verschiedene Arten,
Leberkäse zu machen. Und einer muss der Beste sein. Der
beste Leberkäse Deutschlands, vielleicht sogar der beste der Welt.
Zeit, sich durchzufragen. […]
erschienen am 8. April 2013 im Nordbayerischen Kurier
Stefan Mickisch hat ein Konzert gegeben. Mehr muss man gar nicht erfahren, um zu wissen, dass dieses Konzert fabelhaft und großartig gewesen sein muss – und nur deshalb nicht einmalig, weil ja eben ungefähr jedes seiner Konzerte so ist. Das ist natürlich kein Zufall und liegt auch nicht allein an Mickischs Tastenarbeit. Es ist eher das Ergebnis einer sehr gut eingespielten Inszenierung. Und die geht so.Erstens: Unverschämtheit. Nach seiner Begrüßung und einer groben Richtungsangabe („Lohengrin-Vorspiel, dann Karfreitagszauber, anschließend möchte ich auf die Gefährlichkeit des Klingsor hinweisen, dann sind wir in H-Dur und dann muss ich mal sehen, was ich mach“), erzählt Mickisch erst einmal, dass er gerade Einstein liest, „wieder einmal, und ohne es bisher so richtig verstanden zu haben“. Weil er herausfinden wolle, wie das sei mit dem Raum und der Zeit, diese Frage liege dieser Musik ja zugrunde. Und dann spielt er, und man glaubt ihm kein Wort davon, dass einer, der so Klavier spielt, Einstein nicht verstanden haben will.
Zweitens: Augenhöhe. Es ist ja nicht so, dass Mickisch seinen Zuhörern etwas erklärt, wenn er Sätze sagt wie „Parsifal erstürmt die Gralsburg mit Hilfe der dritten Sinfonie von Beethoven“; es ist eher so, dass er mit seinen Zuhörern zusammen die Musik bewundert, er überfordert sie manchmal, aber er sorgt dafür, dass sie sich nicht dumm vorkommen. Allerdings: Er ist es dann, der die Musik spielt, und dabei schaut er nicht mehr auf zu ihr. Eine seiner Vorreden beendete er mit den Worten: „Gut, dann spielen wir das“, und es ist nicht klar, wen er mit „wir“ meint: sich und das Publikum oder sich und Wagner.
Und drittens: Selbstgewissheit. Mickisch spielt aus der Partitur, einer Klavierbearbeitung traut er nicht. Mickisch übersetzt keine Klangeffekte, sondern bricht Wagner auf Harmonien und Melodien herunter und setzt ihn dann wieder zusammen. Und so spielt er nicht nur, er kann auch damit spielen. „Ich spiele jetzt das Ende der Götterdämmerung, gibt’s noch irgendwas, was Sie vorher hören wollen“, fragt er, und als er dann eine Antwort hat, sagt er: „Ich weiß aber nicht, wie lang es dauert.“ Es war genau richtig.
erschienen am 14. September 2012 im Nordbayerischen Kurier
Zum Abschied hat er einen Strick aufgehängt und ein Foto des KZ-Krematoriums Buchenwald an die Wand geworfen. Seine Bayreuther Werke hat er verbrannt und die Asche in drei schwarze Urnen gefüllt. „Feuerbestattungsanlage Bayreuth 2012“, ist in Fraktur in den Deckel graviert, und darunter: Arbeit macht frei. Schon wieder. Eine der Urnen geht nach Angola, die zweite nach Portugal, die dritte hat Yonamine im Iwalewa-Haus auf einen samtüberzogenen Sockel drapiert, gleich neben dem Strick.
Und vor dem Strick stehen Nadine Siegert und Katharina Fink und wissen nicht so recht, was ihnen da eigentlich gerade passiert ist.
Yonamine, ein 37-jähriger, nicht unbekannter Künstler aus Angola, war von Anfang Juni bis Ende August Gast – „Artist in Residence“ – im Iwalewa-Haus in der Münzgasse. Der Bayreuther Öffentlichkeit wurde er alsbald bekannt als derjenige, der die Fassade des Iwalewa-Haus umgestaltete – „beschmierte“, fanden einige Anwohner, denn auf der denkmalgeschützten Fassade der Alten Münze prangt ein Kunstwerk der Künstlerin Giorgina Beier. Siegert, stellvertretende Direktorin des Iwalewa-Hauses, formuliert es anders: Yonamine füge „neue Schichten“ hinzu, es handle sich um ein Palimpsest – eine Oberfläche, die immer und immer neu beschrieben wird.
Die erste Schicht sah aus wie ein ungeschicktes Graffiti, es entstand in der Nacht zum 29. Juni. Als Siegert am nächsten Morgen ins Büro kam, sagte sie, sie sei selbst überrascht von dem „Werk eines bislang unbekannten Graffiti-Künstlers“. Warum die Verschleierung? „Weil die Fassade denkmalgeschützt ist. Weil wir nicht wussten, wie die Leute reagieren würden.“
In Wahrheit waren die Vorgänge Teil eines Projekts mit dem Arbeitstitel „Reichsparteitagsgelände“ – Yonamine wollte sich mit dem Phänomen „Erinnerung“ und deren Bezug zur Sprache befassen, auch und gerade in Deutschland. Und genau das tat er auch. Nur hatte anscheinend niemand damit gerechnet.
Yonamine stellte Siebdrucke her, sprühte dutzendfach die Frage „Was ist schön?“ in Fraktur auf die Wand, so oft, dass die schiere Masse die Bedeutung der Frage wegwischte. Er sprühte auch sein eigenes Konterfei auf die Wand, ein Gesicht mit gebleckter Zunge, und darunter, wieder in Fraktur, die Zeile „Arbeit macht frei“. Die Parole, die über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz prangte.
Wer entscheidet, was Kunst ist und was nicht, was Kunst darf und wie lange sie tragbar ist – Yonamines Projekt eignet sich sehr gut, um diese Fragen zu diskutieren, um herauszufinden, dass darüber eigentlich nicht zu diskutieren ist, weil man andernfalls sofort mittendrin steckt in einer Überlegung, die die Grenze zur ideologischen Fragwürdigkeit schnell überschreitet.
Aber das ging nicht. Weil, als auf der denkmalgeschützten Fassade des Afrikazentrums der Bayreuther Universität gegenüber der Synagoge „Arbeit macht frei“ stand, sehr viele Leute – Anwohner, Studenten, auch Kollegen – sehr schnell eine klare Antwort auf diese Fragen forderten, oder eine Antwort hatten. Eine Antwort, die viel simpler, viel weniger ausdifferenziert war, als sich die Initiatoren des Projekts gewünscht hätten: „Weg damit, das geht gar nicht.“ Und so sehr sich Yonamine und seine Gastgeber bemühten, die Deutungshoheit zu behalten – von diesem Moment an hatten sie sie verloren.
erschienen am 21. August 2012 im Nordbayerischen Kurier
Der Mann macht einfach alles richtig. Er ist hier, um über sich zu reden; er lässt es sich aber nicht anmerken. Man vergisst es deshalb auch sofort, für den Rest der Zeit wirkt es so, als ginge es um etwas anderes, etwas Wichtigeres, Größeres. Um Kunst. Oper. Um das Leben. Oder um etwas noch Größeres, noch weniger Fassbares.
In Wahrheit geht es natürlich doch nur um Klaus Florian Vogt. Aber das macht nichts, das Publikum ist ja auch seinetwegen hier.
Vogt ist der Erste von zwei Gästen bei den diesjährigen Festspiel-Gesprächen. Der Titel: „Zäsuren“. Der Moderator ist Jürgen Liebing, ein jahrzehntelang erprobter Rundfunkjournalist, dem es gut gelingt, gleichzeitig das Gespräch mit Präsenz und Eloquenz zu führen und dabei völlig hinter seinem Gesprächspartner zurückzutreten.
Vogt und Liebing sitzen auf der Bühne des Kleinen Hauses der Stadthalle, an einem Tisch, vor sich zwei gewaltige, wunderbar aus der Mode gekommene Mikrofone. Und Vogt gelingen ein paar wunderbare Sätze.
[…]
Es sind gute Antworten auf gute Fragen, es macht ungeheuer Spaß, Vogt dabei zuzusehen, und nachher muss er im Foyer Autogramme geben, und auch da hat er diese Aura - er strahlt Nähe aus, die zugleich Ferne ist.
Vogt ist der Mann, der Lohengrin ist, in Berlin, in Bayreuth, in Tokyo und so weiter, der müheloseste, unangestrengteste Lohengrin seit Jahren, jetzt steht er hier und gibt Autogramme, er ist da, und dann ist er auch noch nett.
Eine Woche später sitzt auf demselben Platz Dieter Haselbach, er ist Professor für Soziologie, Leiter einer Unternehmensberatung und einer der vier Autoren des Buchs „Der Kulturinfarkt“. Es war eines der Bücher, für die die Autoren schon Prügel einstecken müssen, bevor sie überhaupt erschienen sind. Die Autoren fragen darin sehr pointiert: Ist es sinnvoll, dass es in Deutschland so viele Opernhäuser und Musikschulen gibt, wie es eben gibt, wenn doch auf den meisten Bühnen sowieso immer dasselbe gespielt werde, noch dazu vor leeren Reihen, könnte man nicht eingreifen, alles um die Hälfte reduzieren, auch die Subventionen, die Nachfrage gezielt dem Angebot zuordnen … Es sind Thesen und Ideen, die auf den ersten Blick nicht völlig daneben sind, die aber einigen Irrtümern aufsitzen: zum Beispiel, dass Kunst und Kultur Waren sind und sonst nichts, und dass man Verhältnisse, die vielleicht nicht ideal, aber auch nicht schlecht sind, auf keinen Fall weiterlaufen, sondern unbedingt und unwiederbringlich ändern muss. Aber das ist nicht das Thema.Haselbach ist gekommen, um über all das zu reden, er will die großen Fragen beantworten, die wichtigen, nach Kunst, Oper, dem Leben und noch bedeutenderen Dingen. Und weil er sich das anmerken lässt, wirkt es, als sei er durchaus auch deshalb gekommen, um sich reden zu hören.
erschienen im Nordbayerischen Kurier vom 27. Juli 2012
Es ist eine kluge Inszenierung, mit Witz und guten Ideen, genug Unschärfe, um sich einen eigenen Reim auf das zu machen, was auf der Bühne passiert. Aber sie hat auch ein Problem – ein nicht gerade kleines: Sie lässt kalt. Sie berührt nicht, bewegt nicht. Sie holt den „Fliegenden Holländer“ aus dem Gestern ins Heute – und sie entzaubert ihn dadurch fast völlig. Es ist alles da in dieser Inszenierung, Klugheit, Witz und Personenführung. Aber es fehlt doch zu viel.
Das alles ist vor allem deshalb so wichtig, weil es an diesem Abend ja nicht nur um den Abend selbst geht. Genau hier und heute entscheidet sich, wie es den Bayreuther Festspielen wirklich geht. Es geht dabei ja nicht um Kommunikation, Marketing und Interviews im „Spiegel“ und anderswo. Es geht um die Kunst, um Musiktheater, um das Handwerk. Dieser „Fliegende Holländer“ ist die erste Produktion, die – von vorne bis hinten – Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier verantworten: die Wahl des Regieteams, die Besetzung, die musikalische Leitung, die Rahmenbedingungen der Arbeit. Von der Musik wird noch die Rede sein, was die Deutung Glogers betrifft, ist – bei allem Bemühen – noch Luft nach oben.
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erschienen im Nordbayerischen Kurier vom 25. Februar 2012
Die zwölf Tenöre sind nicht die zehn Tenöre und auch nicht die drei Tenöre, das nur zur Klarstellung. […] Es ist eine gelungene Show, die Tenöre singen Songs von den Beatles und den Beach Boys, außerdem „You can leave your hat on“, dabei zieht einer sein Hemd aus, sie singen auch Michael Jackson; und ein bisschen Verdi singen sie auch. Sie singen nicht schlecht, das Publikum jubelt und fordert Zugaben. Das Interessante ist aber: Die zwölf Tenöre vermitteln ein völlig neues Verständnis davon, was ein Tenor eigentlich ist. Bisher war ein Tenor ein Tenor, wenn er mit seiner Stimme einen ganzen Saal ausfüllen konnte oder wenigstens ein Kirchlein. Heute, und das zeigen die zwölf Tenöre, spielt die Stimme keine Rolle mehr, der Saal ist ja trotzdem gefüllt, nur eben mit Menschen. Um Tenor zu sein reicht es jetzt, Anzug zu tragen, zu lächeln und den Rücken durchzustrecken, das ist eine gute Nachricht; sehr vielen Tenören wird damit die Arbeit erleichtert.
Und dann wundert man sich doch wieder – weil ja ein Tenor nicht Gesang studiert, Aufnahmeprüfungen besteht und Abschlussprüfungen auch, um dann als Tenordarsteller durch die Lande zu tingeln und zu zwölft „Kalinka“ zu singen. Oder doch? Wie auch immer. Schön war’s.
(Quelle: nordbayerischer-kurier.de)
erschienen am 20. Januar 2012 im Süddeutsche Zeitung Magazin
Dieser Text muss an der Wursttheke beginnen, weil an der Wursttheke auch das Problem beginnt. Natürlich, wie fast alle Probleme, weit vor dem fünften Geburtstag.
Metzgersfrau: »Magst du eine Scheibe Gelbwurst?«
Kind: Nickt stumm
Metzgersfrau: »Da, schau her!«
Kind: Ist verunsichert, schaut her
Mutter: »Wie sagt man da?«
Kind: Ist verunsichert, sagt: »Danke.«
Mutter und Metzgersfrau: Atmen auf, lächeln selig, sind voll des Lobes
Ein fataler Fehler. Weil das Kind den Eindruck mit nach Hause nimmt: Wer »Danke« sagt, wird gelobt. Wer »Danke« sagt, wird süß gefunden. Wer »Danke« sagt, kriegt Wurst geschenkt.
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erschienen am 21. November 2011 in der Süddeutschen Zeitung
Vor ein paar Tagen hatte ich mein erstes Mal und es tat sehr, sehr weh.
Ich konnte höchstens zwei Stunden geschlafen haben. Neben mir lag meine Freundin, hellwach, ihr Blick brannte Löcher in die Zimmerdecke. Ich hatte geträumt, ich hätte eine Stelle als Turbinenanstreicher bei Airbus, ich stünde in einer Werkshalle, in der bärtige Männer mit Schraubenschlüsseln auf Rohre schlagen und mit Bolzenschussgeräten Bolzen in Flugzeugflügel schießen. Es war unglaublich laut, so laut, dass ich aufwachte, und als ich wach war, blieb der Lärm einfach da.
„Wie spät ist es?“, fragte ich. „Zwanzig vor zwei“, sagte meine Freundin und ich erwiderte: „Sag mal, haben die den Arsch offen?“
Ich wohne in der Großstadt, in einem Viertel, das als angesagt gilt. Die meisten Leute wohnen hier nicht, weil sie nachts schlafen wollen. Sondern, um sehr laut Two Step, Drum’n’Bass und Big Beat zu hören, heute anscheinend in der Wohnung unter mir. Ich zog eine Hose an und Schuhe. Und klingelte.
(weiter…)
erschienen am 14. November 2011 im Nordbayerischen Kurier
“Lohengrin kommt zu Fuß. Graf Telramund überlebt, Gottfried taucht nicht auf. Aber es gibt keinen Skandal. Es gibt ja auch keinen Regisseur.
Es ist der Herbst nach dem Sommer, in dem die Intendanz der Bayreuther Festspiele sich beinahe blamiert hat bei der Suche nach einem „Ring“-Regisseur für das Jahr 2013 (ob sie sich mit dem dann doch noch gefundenen Frank Castorf nicht doch noch blamiert, wird sich zeigen). Es war der Sommer, in dem in Bayreuth ein „Tannhäuser“ in einer Biogasanlage spielte, „Lohengrin“ in einem von Ratten bevölkerten Labor und die „Meistersinger von Nürnberg“, ja, was das sein sollte, wusste keiner so genau. Natürlich, es war nicht alles schlecht, aber für einen nicht geringen Teil des Publikums stellte sich auch in diesem Sommer die Frage, ob dieses Regietheater wirklich immer sein müsse.
Es muss nicht sein, sagt Marek Janowski an diesem Abend in Berlin. Natürlich sagt er es nicht selbst, er lässt die Zuschauer selbst darauf kommen, aber es ist unmissverständlich: Es muss nicht sein, und seht nur her, wie schön das ist.
Janowski, international renommiert als Konzert- und Operndirigent, wollte in den 90er Jahren nicht mehr mit ansehen, was all die Regisseure auf der Bühne mit den von ihm dirigierten Werken anstellten, und zog sich aus der Opernwelt zurück. Mit einem Hintertürchen: wenn Oper, dann im Konzertsaal. Im Vorfeld des Wagner-Jubiläumsjahrs tritt Janowski am Pult des Berliner Rundfunk-Sinfonieorchesters mit einem konzertanten Wagnerzyklus an, was nicht weniger als eine klare Ansage ist, und eine Absage ans Regietheater: Wagner geht auch ohne euch, das ganze Drama steckt in der Musik, das schaffe ich allein. Es braucht nur gute Sänger, ein fabelhaftes Orchester und einen ausgezeichneten Chor.
Das Orchester ist an diesem Abend das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, der Chor der Berliner Rundfunkchor, einstudiert von Eberhard Friedrich, Chordirektor an der Staatsoper Unter den Linden und bei den Bayreuther Festspielen.
Annette Dasch sang die Elsa, Klaus Florian Vogt den Lohengrin, Günther Groissböck als König Heinrich, Susanne Resmark und Gerd Grochowski als Ortrud und Graf Friedrich von Telramund, dazu Markus Brück als Heerrufer. Eine Traumbesetzung, es ist allein schon große Kunst, diese Namen an einem Abend auf einer Bühne zu versammeln. Es ist aber nicht nur eine Traumbesetzung, weil jeder der Sänger seine Rolle vorher schon einmal glänzend gesungen hatte, in Bayreuth und anderswo. Sondern auch deshalb, weil es an diesem Abend wieder so ist. Ein Abend, an dem alles stimmt. Der zwar in Berlin stattfindet, der ohne den Blick nach Bayreuth aber nicht auskommt.
Janowski macht aus dem Orchester eine Emotionsmaschine, er erzählt „Lohengrin“ nicht als Märchen, das schon jeder kennt und dessen Ende als unabwendbares Schicksal dräut. Alles, was schiefgeht, hätte auch gutgehen können, erst beim Schlussakkord ist die Geschichte zu Ende erzählt. Das ist keine leichte Aufgabe, auch wenn es Werke gibt, die es ihren Interpreten schwerer machen, eine ganze Welt aus ihnen herauszuholen.
Ganz können die Sänger das Spielen aber doch nicht lassen: König Heinrich grüßt bei seinem Auftritt erhaben den Herrenchor, Telramund setzt sich genau dann auf seinen Stuhl, als er erschlagen wird. Es sind nur Andeutungen, aber die sind präziser als manches Bühnenbild.
Und dann und wann gefällt sich Janowski auch als Regisseur: Wenn die Musik von fern kommt, stellt Janowski ein paar Bläser ins Treppenhaus. Auch der Brautchor singt von draußen, und wenn im dritten Aufzug der Herrenchor drauf und dran ist, in die Schlacht zu ziehen, postieren sich die Bühnenmusiker im Auditorium, es tönt von links oben und rechts hinten, unversehens sitzt man mitten in einem Dreiklang. Aber alles bleibt im Rahmen der Partitur, und bevor die Effekte allzu sehr in billiges Wagnertheater abzudriften drohen, ist wieder Schluss damit.
Den ersten Akt lässt Janowski im ungebremsten Fortissimo enden, das ist gut so, schöner wird es jetzt nicht mehr für Elsa und Lohengrin. Als Elsa die verbotene Frage stellt, lässt Janowski das Orchester fast auseinanderbrechen, als die Bläser die Frage wiederholen, stehen sie ziemlich alleine da, die Celli haben sich einen eigenen Rhythmus gesucht.
Und dann kommt es doch so, wie es immer kommt: Klaus Florian Vogt als Lohengrin gibt Auskunft über seine Identität, das Notenpult hat er vorher zur Seite gestellt. Die Antwort auf die Frage, wie er heiße und wer er sei, kennt er längst auswendig.
(Quelle: bt24.de)
erschienen am 24. Juli 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Bayreuth. Einen Tag vor der Generalprobe schickt die Festspielleitung noch rasch einen Brief. Es sei nicht notwendig, in spezieller Kleidung zu kommen; bitte keine High Heels, keine Schlappen, aus Sicherheitsgründen. Szenische Aufgaben kämen nicht auf uns zu, es bestehe freie Platzwahl. “Wir möchten Sie bitten, sich still zu verhalten.”
Zum ersten Mal in der Geschichte Bayreuths werden bei der Eröffnung morgen auch einige Premierengäste auf der Bühne sitzen, das sieht die Inszenierung des “Tannhäusers” von Sebastian Baumgarten so vor. In ungefähr jedem anderen Opernhaus der Welt gab es das schon, dass jetzt auch Bayreuth damit anfängt, kann als sicheres Zeichen dafür gelten, dass sich dieser Regieeinfall erledigt hat.